Ulli Schwinge – der 'Meine-Lieder-Sänger'

Was er denn nun sei: Schlagersänger? Chansonnier? Liedermacher? "Ich bin 'Meine-Lieder-Sänger'", gab Ulli Schwinge kürzlich in einem Interview zur Antwort. Und das ist wohl die passendste Bezeichnung für die Songpoesien des Hallensers. Auch wenn die wenigsten sein Gesicht kennen, sein Name eher etwas für die Insiderabteilung ist, so hält sich der 56 jährige seit nunmehr über 20 Jahren im Musikgeschäft. Und wenn seine Titel in den deutschen Radiosendern laufen, dann gehen jeden Tag wieder Hörer auf die Suche nach den Liedern und ihrem Sänger. Erstaunlich, zumal den Songs all das fremd ist, was übliche Schlagerproduktionen kennzeichnet: keine Mitklatsch-Rhythmen, keine Party-Beats, keine Phrasen-Texte und überdies auch noch Akkorde jenseits des Schemas "Tonika - Dominante - Subdominante". Vielleicht ist es aber gerade diese Andersartigkeit, die den Erfolg seiner Musik ausmacht.

Vier Jahre nach seiner Geburt begann das alles - das mit der Musik. Damals durfte der kleine Ulli Abend für Abend an der Oper in Halle bei der Aufführung der Zauberflöte singen. Aber mit vier Jahren auch schon das Konservatorium zu besuchen, war dann doch eher der Wunsch seiner Eltern. Heute ist er unendlich dankbar für über 15 Jahre klassische Klavierausbildung und Studium. Denn sicher war es die fundierte Ausbildung, die seine Karriere ermöglichte. Nachdem der damals Ende Zwanzigjährige dem Chefproduzenten des Rundfunks der DDR vorgespielt hatte, verhalf dieser ihm vorbei am so genannten "Lektorat" zu einer der staatlich vergebenen Rundfunkproduktionen. Trotz Provinzler-Malus und trotz "meine-Lieder-Malus", denn das Komitee hatte eigentlich kein Interesse an 'schreibenden Sängern', wollte man doch lieber die etablierten Autoren mit Aufträgen versorgen. Jener Rundfunkchef jedoch war überzeugt vom Talent des Nachwuchskünstlers, so dass dieser erste eigene Lieder live beim Rundfunk der DDR produzieren durfte. Als er 1988 und 89 dann auch noch so genannter "Jahressieger der Hitparaden" wurde, folgte der begehrte Schallplattenvertrag. Dann kam die Wende. Mit dem Kinn gerade noch bis zur letzten Sprosse der Karriereleiter hochgezogen, musste der Sänger von vorn anfangen. Das hieß zunächst mal "muggen, muggen, muggen", mit anderen Worten tingeln von Hotelbar zu Hotelbar, vom Feuerwehrfest bis zur Silberhochzeit. Auch wenn die ganz große Karriere ausblieb: Dass es letztlich immer weiterging, ist nicht nur Schwinges Fleiß, sondern auch seinem Talent und seiner langjährigen Ausbildung zu verdanken. Bis heute ist Musizieren für ihn ein Handwerk, das erlernt, geübt und gepflegt werden will.

Im September ist Ulli Schwinge mit der legendären DDR-Schriftstellerin Gisela Steineckert auf Tour, die auch die Texte zu seinem neuen Album schrieb und gerade erst höchst fidel ihren 80 sten Geburtstag feierte. Sie liest aus ihrem aktuellen Buch, er spielt dazu seine "Liederbriefe" auf dem Piano. Dafür lebt er: für die Musik, für den Applaus - und für das Publikum. Nicht das der bunten Shows. Sondern das der Konzertsäle, der Liederabende, der Lesereisen. Die kleine aber feine Insidergemeinschaft. Die treuen, die sich für gut gemachte Lieder begeistern und noch Platten kaufen.

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